Dass die Politik im Wahljahr 2009 die Sozialen Netzwerke entdeckt hat, ist nichts Neues. Zum Einen hat sich in Deutschland der Irrglaube, Barack Obama hätte seine Präsidentschaft quasi online gewonnen manifestiert. Zum anderen drängen sich die Möglichkeiten von Plattformen wie Facebook, StudiVZ oder XING zur Kampagnenführung und Zielgruppenansprache für politische Zwecke geradezu auf.
Diesen Mega-Trend nimmt die klassische Berichterstattung in der Presse natürlich gerne auf. Schließlich gibt es Neuland zu entdecken und gleichzeitig die Bemühungen der Parteien zu kommentieren. Inhalte und Strukturen beim Engagement im Internet werden dabei kaum bis gar nicht hinterfragt. Gerne zitierte und durchaus hoch angesehene Quelle für die Messung von Online-Aktivitäten der Politiker ist z.B. die Internetseite wahl.de, die rein quantitative Werte abbildet. „Mover“ und „Shaker“ sind dort diejenigen, die im direkten Vergleich die meisten Kontakte auf einer Plattform haben oder besser noch dort ständig Kommentare verbreiten. Damit wird das dauerhafte Absenden von Nichtigkeiten („Guten Morgen zusammen!“, „Stehe auf der A45 im Stau.“) zum Gradmesser für politisches Engagement.
Virtueller Kampf um die Kanzlerschaft
Auf den ersten Blick scheinen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier im Kampf um die Kanzlerschaft aber tatsächlich den Stein der (Kampagnen-) Weisen gefunden zu haben. 60.000 Mitglieder in der VZ-Gruppe (StudiVZ, MeinVZ) der Kanzlerin sprechen für sich – geht es hier doch gerade um die schwer zu erreichende Gruppe der Jungwähler.
Ist Online-Kampagnenführung also die Revolution des Wahlkampfes und wird zukünftig – so wie es den USA angedichtet wird – wahlentscheidend sein? In der jetzigen Form ganz sicher nicht!
Die hochgelobten Nutzerzahlen in den einzelnen Sozialen Netzwerken blenden allerdings all zu schnell. 60.000 junge Nutzer, die sich virtuell Angela Merkel anschließen sind zwar eine echte Größenordnung. Wenn man aber die Marktabdeckung Sozialer Netzwerke (2/3 aller Online-Nutzer, bei den Jüngeren noch viel mehr), die Reichweite von z.B. StudiVZ (7 Mio. aktive Nutzer) und vor allem die Verbindlichkeit der Gruppenzugehörigkeit (nämlich fast gar keine) bedenkt, relativiert sich dieser Wert. Die Zugehörigkeit zu Gruppen hat speziell bei Schüler- und StudiVZ auch einen sehr speziellen Charakter. Professionelle Party-Gruppen haben durchaus 70.000 – 145.000 Mitglieder, völlig sinnfreie Spaßgruppen wie „Ich drücke die Fernbedienung fester, wenn die Batterien leer sind“, erreichen auch schon einmal 200.000 eingetragene Nutzer.
Zusätzlich hat Angela Merkel als Kanzlerin sowieso einen Sonderstatus, den kaum ein anderer Politiker erreicht. Geht man von ihr aus in die Niederungen der Politik, werden die Werte schnell sehr kleiner. CDU und SPD als Gruppe bei StudiVZ haben jeweils etwa 18.000 Nutzer (was für eine Partei mit mehreren hundertausend Parteimitgliedern eher überschaubar ist). Die Frage nach einem tatsächlichen Mehrwert an Reichweite von Kommunikation oder sogar nach dem Einfluss auf das Wahlverhalten wird darüber hinaus meist übersehen oder verdrängt.
Abseits der VZ-Gruppe (wo die Mitgliedschaft in einer Gruppe nicht mehr als die Dokumentation eines mehr oder weniger ernst gemeinten Klicks auf den Gruppennamen ist) werden die Zahlen bei Facebook (hier akzeptiert der im Durchschnitt bereits etwas ältere Nutzer, dass ihm regelmäßig Informationen zugesendet werden) schon deutlich geringer. Spätestens bei dem B2B-Netzwerk XING erreichen Sie dann selbst für Bundespolitiker und Parteien Zahlen, die jeder vertrieblich aktive Angestellte dort locker übertrifft.
Ministerpräsident Rüttgers bei Facebook
Der in Nordrhein-Westfalen durchaus bekannte und beliebte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers erreicht bei Facebook etwas mehr als 1.200 Fans. Als Parteivorsitzender mit 174.000 Mitgliedern und als Dienstherr von unzähligen Landesbeamten eine spärliche Zahl. Verglichen mit eher unbekannten und im Vergleich uninteressanten Zeitgenossen, die deutlich höhere Werte erreichen, vielleicht sogar eine Enttäuschung. Parteifreund und Shooting-Star Klaus-Theodor zu Guttenberg erreicht hier im Zuge seiner allgemeinen medialen Aufmerksamkeit immerhin die 6fache Anzahl an Fans.
Rüttgers designierte Gegenkandidatin um das Amt des Ministerpräsidenten, Hannelore Kraft, besitzt erst gar keine Profile in Sozialen Netzwerken, was angesichts ihrer Strategie, kritische Äußerungen im Netz juristisch zu verfolgen, sogar sinnvoll sein könnte. Sie trifft mittlerweile der vielzitierte Streisand-Effekt – bekannt nach Schauspielerin Barbara Streisand, die Bilder ihres Küsten-Anwesens an einer Stelle im Internet verbieten lassen wollte. Daraufhin kopierten zehntausende von Protestlern diese Bilder und machten die Masse der Nutzer dadurch erst auf Lage und Ausstattung des Anwesens sowie die Streitlust der daraufhin deutlich an Popularität verlierenden Schauspielerin aufmerksam.
Kölner Oberbürgermeister-Kandidiaten mit geringem Zulauf
Bekannte Kommunalpolitiker wie der Kölner SPD-OB-Kandidat Jürgen Roters (immerhin aktuell in den letzten drei Wochen seines Wahlkampfes um eine der größten Städte im Land) versammeln regelmäßig 100 – 400 Unterstützer. CDU-Gegenkandidat Kurth erreicht allerdings selbst auch nur 200 – 300 Nutzer. Nach der öffentlichen Ankündigung von Kurth, einen innovativen Online-Wahlkampf führen zu wollen, wirken solche Zahlen aber nicht wirklich erfolgreich, zumal die Anzahl der bei Facebook registrierten Kölner bei 200.000 liegt. 300 Fans dürften damit bestenfalls jeweils alle SPD- bzw. CDU-Mitglieder bei Facebook sein. Ein breiter Kontakt zu Unterstützern oder Wählern wird hier so gut wie gar nicht aufgebaut.
Praktisch besetzen Politiker und Parteien heute in den Sozialen Netzwerken nur einen zusätzlichen Bereich der Kommunikation. Die tatsächlichen Mehrwerte Sozialer Netzwerke sowie deren denkbaren Möglichkeiten zur Kampagnenführung werden dabei derzeit völlig außer acht gelassen. Ob dies einer allgemeinen Vorsicht neuen Medien gegenüber, fehlender Beratung oder den zur konsequenten Nutzung notwendigen Budgets geschuldet ist, bleibt offen.
Fazit
Deutschlands Parteien haben das Internet und vor allem die Sozialen Netzwerke entdeckt. Oder treffender formuliert: die Sozialen Netzwerke passen so perfekt in das parteipolitische Geschäft, dass die handelnden Politiker gar nicht mehr um diese Plattformen herumkommen.
Dass Barack Obama Initiator dieser Entwicklung gewesen ist, ist allerdings ein Missverständnis. Die eingesetzten Technologien passten sich lediglich perfekt der aus der Masse entstandenen Stimmung des „Yes we can“ und „Change“ an. Obama hatte dieser Stimmung – online wie offline – lediglich ein Ventil gegeben. Er wurde praktisch vom Strom des Web2.0 getragen und seine Strategen verstanden es vorzüglich, diesen Strom für seine Zwecke nutzbar zu machen. Von solch einer Nutzbarmachung sind die etablierten Parteien in Deutschland noch Jahre entfernt.
Eine wirkliche Strategie ist bei der Nutzung Sozialer Netzwerke bislang nicht zu erkennen – es gilt: der Weg ist das Ziel. Den etablierten Medien reicht das bloße Vorhandensein von Aktivitäten aber auch vollkommen aus um daraus Nachrichten zu machen. Nach wirklichen Erfolgsgeschichten fragt derzeit keiner. Kurz- bis mittelfristig werden es eher neue Formen, wie z.B. die Piratenpartei sein, die wirkliche Mehrwerte durch das Internet und die Sozialen Plattformen generieren und möglicherweise dadurch sogar die deutsche Parteienlandschaft verändern werden.
Überblick Kontakte deutscher Parteien in Sozialen Netzwerken
|
CDU |
SPD |
FDP |
Grüne |
Linke |
Piraten |
|
|
VZ-Gruppe |
19.000 |
18.000 |
18.000 |
17.000 |
10.000 |
41.000 |
|
|
1.500 |
2.900 |
2.500 |
2.600 |
1.100 |
3.400 |
|
|
3.100 |
3.400 |
3.400 |
6.700 |
80 |
12.400 |
|
XING (neu!) |
400 |
300 |
800 |
300 |
40 |
1.800 |
Quelle: www.wahl.de, Stand 08.08.09, Werte gerundet

